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ZUGZWANG Komposition, Programmierung und Live-Elektronik: Michael Iber (D) Sie waren die drei großen Verweigerer des 20. Jahrhunderts. Und sie waren die drei Künstler, die entscheidend zum ästhetischen Denken des 20. Jahrhunderts beitrugen. Samuel Beckett, der Dramatiker, John Cage, der Komponist, und Marcel Duchamp, der Maler. Was die Drei verband, war ihre Beziehung zum Schachspiel, eine Leidenschaft, die sich mannigfaltig in ihren Werken widerspiegelt. Der wesentliche Aspekt ist dabei die in Duchamps legendärem Schachbuch veröffentlichte Entdeckung symmetrischer Bewegungsmuster der beiden Könige im Endspiel. Die Tänzerin ist Weiß, der Musikcomputer ist Schwarz. Sie kann hören, er kann sehen. Sie ist Mensch, er ist Maschine. Stete Bewegung und doch Stillstand. Scheinbar wandeln beide in ihren eigenen Bereichen zwischen Beckettscher Entkörperlichung und Cageschen Regelschablonen. Und doch nehmen die beiden einander wahr, lauern auf den kleinsten Regelbruch.
Zugzwang basiert auf Computermusik und zwar tatsächlich ausschließlich mit den Mitteln des Computers erzeugter Musik ohne vorgefertigte Samples. Dabei kommt sogenanntes Physical Modeling zum Einsatz, ein Verfahren, welches Eigenschaften und Spieltechniken realer Instrumente, wie die Saitenlänge einer Geige, die Blatthärte einer Klarinette oder das Zupfen einer Saite usw. simuliert. Klanglich interessant wird dieses Verfahren, sobald es den auf echten Instrumenten realisierbaren Rahmen sprengt, wenn z.B. die Rohrlänge einer Trompete mehrere Meter erreicht oder wenn die Eigenschaften einer Querflöte mit denen einer E-Gitarre gekreuzt werden. Gesteuert wird dieses Computer-Orchester durch ein Motion Tracking der Tänzerin. Dabei wird weniger eine 1:1 Übersetzung der tänzerischen Bewegung in die musikalische Ebene angestrebt, als vielmehr die Erkennung von Bewegungsabläufen, auf die das Musikprogramm auf die ein oder andere Weise mit einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeitsverteilung reagieren kann. Kompositorisch kommen zwei von John Cage entwickelte Verfahren, die maßgeblich beeinflussend auf das späte 20. Jahrhundert wirkten, zum Tragen: Da ist einerseits das kontinuierliche Nebeneinander scheinbar unabhängiger Klangquellen wie die Radiogeräte in Imaginery Landscape No. 4, das sich heute in extremer Form in den changierenden Klangbildern der Noise Music wiederfindet. Zum anderen ist es das Prinzip des terminierten Zufalls, ein Spiel zwischen Regel und Freiheit, wie Cage es mit seinen amöbenartigen Schablonen beispielsweise in Cartridge Music realisiert hat. (Michael Iber) Zweckfreie Übungen im Wiederholungsraum (Auszüge eines Essays von Michael Glasmeier) 1. Eröffnung Verfolgen wir das Leben des Samuel Beckett bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, sind wir - bis auf seine gefährlichen „Pfadfinderspiele" für die Resistance - überrascht von einer Leb- und Ziellosigkeit, die es vermeidet, Entscheidungen zu treffen. Da sind die immer wieder auftretenden Krankheiten, die Aversionen gegen Mutter und Kulturbetrieb, die Süchte nach endlosen Spaziergängen, nach endlosen Besäufnissen, nach endlosen Schlafereien, nur um möglichst keine Position im, für oder gegen das Leben beziehen zu müssen. (...) Auf andere Weise entziehen sich auch andere Helden der Moderne der Fama nach einer Selbstexponierung und öffentlichen Verantwortlichkeit. (...) Marcel Duchamp schien offenbar nichts zu tun außer Schachspielen, Rumsitzen und kluge Sätze von sich geben. Und John Cage war an sein Studio gebunden und rechnete, rechnete und rechnete den Zufall aus, wenn er nicht gerade Pilze verkochte. Erstaunlicherweise sind auf dieser Basis die wirklich bedeutenden Werke der Moderne entstanden. Was die drei verbindet ist zudem die Liebe zum Schach. Samuel spielt mit Marcel, Marcel mit John. Samuel schreibt über Schach, Marcel schreibt über Schach, John komponiert wie Schach. (...) Schach ist das Spiel extremer Selbstbezogenheit bei stiller Kommunikation. Die Regeln sind festgelegt, und Zug um Zug verschieben sich die Konstellationen der Figuren. Intellektuelles und ästhetisches Vergnügen fallen zusammen in einer Simulation von Schlacht, die statt Blut Denken provoziert. Schach entrückt den Spieler in Konzentration auf das gemusterte Brett. Der Alltag kippt weg und natürlich die Zeit. Kurz: Schach vermittelt das Gefühl, etwas zu tun, kreativ zu sein, künstlerisch zu sein, doch gesellschaftliche Relevanz im Sinne von Kosten und Nutzen besitzt es nur gelegentlich. Daher wird das Spiel der Freizeit zugerechnet. 2. Mittelspiel Schach ist somit ein Modell für eine künstlerische Einstellung zum Leben. Die Übung als Verbesserung von Leistung versucht das Leben zu überlisten. Die Übung als Form von Handlung schließt sich dem Leben an und ist offen für Antwortzüge. Beide Modalitäten können Kunstwerke hervorbringen. Erstere öffnet sich den pragmatischen Forderungen der Wirtschaftlichkeit, die zweite beharrt auf subjektiver Zeit. Betrachten wir also das Nichtstun von Beckett als Übung jenseits von Zielen, wird es zu einer Lebensform, die sich natürlich nicht in einem Resultat erschöpft, sondern in der Permanenz von Wiederholung immer andere Resultate zeitigt, die allerdings wiederum nie endgültig sein können. 3. Endspiel Doch wo es um Wirklichkeit geht und nicht um Gott und die Seinen, muss viel geübt werden. Die Übungen nehmen kein Ende, weil kein Ziel in Sicht ist, und wenn zufälligerweise eins auftaucht, wird es geübt mit Gleichgültigkeit umgangen, zumal die Öffentlichkeit dem Künstler lukrative Fallen stellt in Form von Ruhm, Preisen und Marktstrategien. Denn die zweckfreien Übungen reiben sich nicht an Repräsentation, sondern folgen unausgesprochen dem klaren und eindrücklichen Theorem des Kybernetikers Heinz von Foerster: „Auch vom Dümmsten kann man lernen." (...) Dr. Michael Glasmeier (Erstveröffentlichung in: Marina Abramovic Class, fresh air, anlässlich der Ausstellung fresh air im Rahmen von „Weimar 1999 - Kulturstadt Europas", Hg. Hannes Malte Mahler für Agora e.V; Texte von Michael Glasmeier und Bojana Pejic im Salon-Verlag, Köln 1999) Kritik 6 Tage Oper 2004. 4. Europäisches Festival für neues Musiktheater. 9. - 14. Februar 2004 RHEINISCHE POST- DÜSSELDORF. 16.02.2004 6-Tage-Oper: „Zugzwang" Verzweifelte Schachpartie „Zweckfreie Übungen im Wiederholungsraum für eine Tänzerin und Computer" - so der ambitionierte und zugleich abschreckende Untertitel der Uraufführung im Tanzhaus, der tatsächlich nur eine recht übersichtliche Zahl von Zuschauern anzog. Es lohnte sich allerdings, denn nicht umsonst bezogen sich die Texte des Programmheftes auf drei Kunst-Giganten des 20. Jahrhunderts, die Zufall, Wiederholung und das Absurde als totale Abwesenheit von Sinn und Zweck ins Zentrum ihrer Kunst gerückt haben: Samuel Beckett, John Cage und Marcel Duchamp, und noch eins verband sie: die Liebe zum Schachspiel. „Zugzwang" ist ein getanztes Schachspiel, die Gegenspieler sind eine Tänzerin und ein nur akustisch wahrnehmbarer Computer. Die Tänzerin trägt weiß, auf dem Boden sind angedeutete Linien und kleine weiße Quadrate, Wegweiser eines seltsamen Tanzes zwischen nervöser Zuckung, ruckhafter Automatik und eruptiver Entladung. Mit leerem Blick und ausdrucksloser Miene bewegt sich Canan Erek (Choreografie und Tanz) wie fremd gesteuert. Tänzerin und Computer (Komposition, Programmierung und Live-Elektronik: Michael Iber) sind in einer Art fatalen Interaktion aneinander gefesselt, je absichtsloser ihre Bewegungen wirken, je mehr sie zu reagieren scheint, desto bedrohlicher werden die zwischen rhythmischem Klopfen, hohem Zirpen und drohendem Grollen tönenden Maschinengeräusche. So entsteht aus der vermeintlichen Abwesenheit von Ausdruck und Absicht eine Art stiller Verzweiflung, die mit maschineller Präzision die unbarmherzige Mechanik abhängiger Interaktion vorführt. Tänzerin und Maschine folgen Regeln und scheinen sich doch gegenseitig zu belauern, um eben jene Regeln zu brechen, den Gegner zu überlisten. Eine verzweifelte Variante des Schach, ein sinnloses Spiel mit Wiederholungen, denen man nicht müde' wird zu folgen, Canan Erek überlässt sich der Absichtslosigkeit und erreicht genau durch das Vermeiden eines subjektiven Ausdrucks große Intensität, ein kurzer, starker Abend. REGINE MÜLLER
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